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Die ersten Wochen in Berkely

19.09.2016 - 05:12 | Christoph Seifriedsberger

Da die Rennen in Rotterdam bereits am Donnerstag für uns vorbei waren, konnte meine Mannschaft und ich die Stadt Gouda, in der die Athleten des ÖRV übernachteten, und Rotterdam für ein paar Tage besichtigen. Gouda ist eine sehr schöne, alte Kleinstadt deren Stadtbild von gotischen bauten geprägt ist. Dort verbrachten wir die Meisten unserer Abende und ließen die doch so erfolgreiche WM genüsslich ausklingen. Am Freitag, dem Tag nach unserem Finalrennen besichtigten wir Rotterdam, eine unglaublich moderne Stadt. Sie besteht zum Hauptteil aus hohen, verglasten Bauten. Holland an sich scheint ein sehr weltoffenes Land zu sein und ich konnte meine Zeit dort genießen, bevor es wieder zurück nach Wien ging.

Die wenigen Tage die ich in Wien verbringen durfte waren vor allem eines- stressig. Da ich mein Visum nicht zeitgerecht beantragen konnte, war ich gezwungen dieses binnen der nächsten paar Tage zu erwerben. Eile war geboten. Am Montag machte ich mein Passfoto (die USA hat andere Richtlinien als die EU bezüglich des Formats), mein Vater holte das so wichtige I-20 Formular aus Schwechat ab und ich machte mich währenddessen auf den Weg zum Konsulat in Wien. Dort lief zum Glück alles wie geschmiert und am Dienstag konnte ich mein Visum abholen. Der Flug war für Mittwoch gebucht und ich verbrachte die letzten Abende mit der Familie und Freunden.

Der Flug verlief ereignislos. Von Wien nach Düsseldorf und anschließend nach San Francisco wo mich einer meiner derzeitigen Trainer abholte und zu meinem neuen Zuhause in Berkeley chauffierte. Das Haus liegt etwas abgelegen auf einem der zahlreichen Hügel. In der Nähe ist ein kleines Schwimmbad, das Studenten frei zugänglich ist und Rugby-Plätze für die Rugby-Mannschaft der Universität. Das Football Stadion liegt nur 2 min weit entfernt was angenehm ist, denn dort befindet sich das High Performance Center (HPC), wo wir unsere Ergometer- und Krafteinheiten abspulen. Ebenso haben Athleten dort die Möglichkeit einen Physiotherapeuten aufzusuchen oder die Lernräume zu nutzen. Das HPC ist an sich ein stark besuchter Ort und so kommt es, dass man sich schnell mit Athleten anderer Sportarten anfreundet. Und es gibt gratis Proteinshakes nach jedem Krafttraining J

Ich kam am Donnerstag um 19 Uhr in Berkeley an, also musste ich natürlich am Freitag den Unterricht besuchen. Doch was würde mich da erwarten? Glücklicherweise ist Ferdi (der Schlagmann unseres 4er ohnes und mein Ruderpartner seit mittlerweile 6 Jahren) bereits in seinem 2. Jahr hier und kennt das Unitreiben recht gut. Wir holten meinen Studentenausweis und versuchten an meine Bücher zu kommen. Das stellte sich jedoch schwerer heraus als gedacht, da Probleme mit meinem Bücherstipendium auftraten und ich diese ein paar Tage später nachkaufen musste. Alles halb so wild. Mein erster Unterrichtstag traf mich dafür umso heftiger. Der Mathematikkurs in dem ich inskribiert bin stellt eine besondere Herausforderung dar, nicht zuletzt auf Grund der sprachlichen Barrieren die sich für mich aufgetan haben. Der Geschichteunterricht ist sehr interessant. Ich hatte mich für die Geschichte und Ausführung der Menschenrechte eingeschrieben, was bedeutet, dass ich viel Zeit damit aufbringe mich durch die verschiedenen Verfassungen und auch Essays von Historikern und Zeitzeugen zu lesen.

Da ich eine Woche zu spät in der Schule eintraf verbrachte ich die erste Woche damit den verpassten Stoff nachzuholen. Zum Glück waren die Professoren alle sehr hilfsbereit und gaben mir ausreichend Zeit den verpassten Stoff nachzuholen. Doch eines war klar. Die Ansprüche hier sind verdammt hoch. Man verbringt typischerweise sehr wenig Zeit in den Klassenräumen und bei Vorlesungen, aber man muss sehr viel selbst erarbeiten.

Die Trainer gaben mir in der ersten Woche frei, so dass ich erst vor 3 Wochen wieder ins Training eingestiegen bin. Typischerweise geht es für das gesamte Team um 6:30 Uhr zum Frühtraining. Mit Vans fahren wir dann zu einer der beiden Ruderstrecken. Das Training selbst dauert selten länger als 75 Minuten, ist allerdings extrem intensiv. Die Zeiten der Boote werden während den Programmen gestoppt. Anhand dieser Zeiten wird ein Ranking erstellt, das allen Ruderern zugeschickt wird. Nach dem Unterricht geht es dann ab auf den Ergometer. Selbes Prozedere wie am Wasser. Eine Stunde Vollgas, die Zeiten werden notiert. Dienstags Nachmittag ist für mich frei. Donnerstags nachmittags steht Krafttraining am Plan. Samstagnachmittag ist ebenso frei und sonntags nur ein Krafttraining.

Die Teamkollegen sind alle sehr nett und hilfsbereit. Ich teile mein Zimmer mit einem kanadischen und einem amerikanischen Ruderer. Das Team an sich ist sehr international besetzt. Vor allem Ruderer aus Europa haben hier Fuß gefasst.

Am Samstag den 17. September war Game-Day, also das erste Footballspiel des Jahres. Cal gegen Texas. Das war ein wichtiger Tag, sowohl für die Studenten beider Unis als auch Einwohner beider Staaten. Collagesport ist riesig in Amerika und das Stadion war komplett ausgebucht. Die Stadt an dich verwandelte sich in eine einzige große Party und als Cal gegen die Favoriten aus Texas gewann geriet die Stadt in Ekstase. Am nächsten Morgen war die Stadt wieder ruhig.

Heute war wieder eine Rudereinheit, diesmal in 4ern, und eine Ergometereinheit am Plan. Momentan bereite ich mich auf den ersten größeren Test in meiner Studienkarriere vor. Bin gespannt wie der verlaufen wird.


Christoph Seifriedsberger, U23-Weltmeister im Vierer bei der WM in Rotterdam 2016, erhielt aufgrund seiner Ruderleistungen und der ausgezeichneten schulischen Erfolge ein Stipendium auf der Elite-Uni Berkeley, USA. Er war Junioren-Europameister 2013 und trainiert bereits für die Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio, Japan. Christoph wird von uns mit einem Stipendium unterstützt und berichtet hier regelmäßig über seine Erfahrungen und Erlebnisse in den USA.